Donnerstag, 13. Juni 2013

Interview bei Wirtschaftswoche Online

Im Herbst erscheint mein neuer Titel "Schuh Guide für Männer", die Taschenbibel für Freunde stilvoller Fußbekleidung (Foto: Erill Fritz)

Man kann seinen Blog natürlich mühelos füllen, wenn man über ihn einfach nur vorhandene Inhalte weitergibt. Das Interview mit mir, das gerade bei Wirtschaftswoche Online zu lesen ist, empfehle ich allerdings gern weiter. Zumal der Inhalt, wenigstens was die Antworten betrifft, von mir stammt.


Montag, 10. Juni 2013

Vor-Urteile

Rückansichten in Neapel: Der Autor und Giuseppe Attolini auf dem Weg zum Mittagessen. Beide tragen Anzüge ohne Schlitze (Foto: Erill Fritz)

Stil hat viel mit Vorurteilen zu tun. Denn die meisten urteilen nicht nach eigenen Maßstäben, sie übernehmen Urteile von anderen. Als stilvoll gilt dann das, was andere einem als stilvoll benennen. Das ist nicht schlimm, denn in vielen Bereichen sind wir auf diese Art von Vor-Urteilen angewiesen. Schließlich können wir uns nicht von allem eine eigene Meinung bilden und eigene Urteile fällen. Mangels Zeit, Kenntnis oder persönlicher Bekanntschaft. Dennoch kann es nicht schaden, manche Urteile hin und wieder einmal zu überprüfen. Hier ein vier Beispiele:

1. Anzüge müssen Mittelschlitz oder Seitenschlitze haben
In den Achtzigern war der Standardanzug im Kaufhaus zweireihig, er hatte keine Schlitze, weite Hosen mit Bundfalten. Da die Achtziger als geschmacklos gelten, galten Anzüge ohne Schlitz als stillos. Umso überraschter sind viele Deutsche, wenn sie die Anzüge eleganter Neapolitaner sehen: Keine Schlitze. Die waren übrigens bis in die 1960er auch bei englischen Anzügen eher unüblich. Vielleicht, weil man bis dahin nicht so viel im Auto saß.

2. Kurzarmhemden sind stillos
Das Kurzarmhemd gilt als Uniformteil des Bürospießers. Als Teil der Businessgarderobe ist es auch abzulehnen. In der Freizeit sieht es anders aus. Ein nicht zu weit geschnittenes Kurzarmhemd, locker über die Hose getragen, ist genauso akzeptabel wie ein kurzärmeliges Polohemd. Man denke nur an Prinz Charles, der im Sommer regelmäßig in kurzärmeligen Hemden eine gute Figur macht.

3. Frontfixierung ist schlecht
Ein Sakko mit loser, also vernähter Einlage, ist immer die beste Wahl. Dennoch ist vieles, was über die Frontfixierung geschrieben wird, einfach nicht mehr wahr. Auch in niedrigeren Preislagen ist es heute möglich, relativ leicht verarbeitete Anzugjacken zu finden - mit Frontfixierung. Natürlich gibt es immer noch die Konfektion, bei der die Einlage wie ein Stück Fotokarton unter dem Oberstoff spürbar ist. Die Regel ist das aber nicht mehr.

4. Maßanzüge halten ewig
Dieses Vorurteil stammt aus den Zeiten, als alle Anzugstoffe noch sehr schwer waren. Damals hielten alle Anzüge sehr viel länger. Umgekehrt ist es so, dass ein Maßanzug aus sehr leichtem Stoff einem viel stärkeren Verschleiß unterliegt. Wer mit Kleidung sorgsam umgeht, hat länger etwas von ihr. Unabhängig davon, ob sie einzeln angefertigt wurde oder von der Stange stammt.


Donnerstag, 23. Mai 2013

Maßkrawatte nach der Methode Marinella

Exklusive Seidenstoffe in der Werkstatt von E. Marinella in Neapel (Foto: Bernhard Roetzel)

Bei E. Marinella in Neapel kann man sich bekanntlich Krawatten nach Maß anfertigen lassen. Als ich mich mit Maurizio Marinella darüber unterhielt, überraschte mich eine seiner Aussagen: Das Maßband kommt nicht zum Einsatz. Form und Länge der Krawatte bestimmt Maurizio Marinella im Kopf nach Augenmaß und auf Grundlage seines Gesprächs mit dem Kunden. Als Seide stehen limitierte, exklusive Seidendrucke zur Auswahl.

Donnerstag, 16. Mai 2013

Nette Komplimente

Gennaro Solito empfing uns spontan am frühen Vormittag. Sein Atelier ist ein Tempel des neapolitanischen Stils (Foto: Erill Fritz)

Zu Beginn der Woche war ich in Neapel mit meinem Fotografen Erill Fritz unterwegs, unser Cicerone war der Napoli-Kenner Michael Jondral. Wir haben Bilder für mein nächstes Buch geschossen, das 2014 bei h. f. ullmann erscheinen soll. Darin huldige ich der handgemachten Herrenkleidung nach Maß.

Wir waren unter anderem bei Cesare Attolini und Finamore  zu Gast, besuchten aber auch kleinere Maßateliers. Besonders gut gefiel es mir bei Gennaro Solito. Viele elegante Neapolitaner lassen ihre Garderobe von dem legendären Meister fertigen, so z. B. auch der Krawattenkönig Maurizio Marinella. Während Erill Fritz seine Stative aufbaute war Zeit für eine kleine Plauderei. Mit dem Blick des Handwerkers betrachtete der "maestro sarto" meinen Anzug und lobte dann Schnitt und Verarbeitung. Dies war schon das zweite Kompliment, das mein Mohair-Anzug in Neapel bekommen hatte, denn auch Maurizio Marinella hatte sich am Vortag positiv zu meinem "abito doppio petto" geäußert. Beide Neapolitaner waren überrascht, als ich Berlin als Provenienz angab, noch überraschter aber darüber, dass eine "sarta" ihn gemacht hat und kein Mann.

Mir ist natürlich bewusst, dass die Italiener Meister darin sind, Komplimente zu machen, ich hatte aber nicht das Gefühl, dass sie mir ausschließlich schmeicheln wollte. Deshalb freute es mich, dass die beiden Fachleute den Anzug von Kathrin Emmer lobten, der sich doch deutlich dem Stil unterscheidet, den sie selbst bevorzugen.

Donnerstag, 18. April 2013

Sakko, Jacke oder Blazer?

Zweite Anprobe eines Sakkos, das John Coggin aus einem weichen Tweed von "Hunters of Brora" für mich gefertigt hat (Foto: Carlo Jösch)


Heute gebe ich mal wieder die Antwort auf eine Leseranfrage wieder. Sie lautete so:

"Können Sie mir in Stichpunkten aufzeigen, was der Unterschied zwischen einem Sakko, einem "sport coat" und dem Jacket eines Anzugs ist?"

Sakko ist die deutschsprachige Bezeichnung des "sport coat". Meines Wissens wird das Wort in anderen Sprache nicht benutzt. Auf Italienisch wird es mit Doppel-C geschrieben und bedeutet dann einfach "Sack". Das Wort steckt allerdings im amerikanischen Begriff "sack suit". Die Österreicher sprechen das Wort Sakko mit etwas schärferem "S" und betonen es auf dem "o". Anstelle von Sakko kann man auf Deutsch auch Sportjacke sagen.

Die Jacke des Anzugs wird auf Deutsch auch als "Jackett" bezeichnet, man spricht es dann allerdings nicht Englisch aus, vielmehr pseudo-französisch mit einem "J" wie beim französischen Namen "Jean".

Ein Blazer ist kein Sakko und auch kein Jackett, vielmehr immer ein Blazer. In der Frauenmode ist der Blazer jede Art von Jacke im Stil eines Herrensakkos oder einer Herrenanzugsjacke.

Ich verwende das Wort Sakko seltener und sage stattdessen eher Jacke.


Dienstag, 9. April 2013

Langsam eingetragen: Mein Tweedanzug



Zweite Anprobe meines Tweed-Anzugs mit John Coggin, meinem Zuschneider bei Tobias Tailors in der Savile Row. Das Geschäft existiert leider nicht mehr, die damaligen Inhaber John Davies (im Hintergrund) und John Coggin sind heute noch als Schneider aktiv. John Coggin reist auch unregelmäßig nach Deutschland (Foto: C. P.)

Während ich von 1997 bis 1999 mein Buch "Der Gentleman" geschrieben habe, war ich häufig in London zu Besuch. Ich führte Interviews, besichtigte Schneidereien und Fertigungsbetriebe und bereitete die Fototermine vor. Mehrfach lief ich dabei am Schaufenster von "Tobias Tailors" vorbei. Eines Tages ging ich hinein und bestellte meinen ersten Anzug. Diese Geschichte habe ich schon häufiger erzählt. Nachdem der erste Anzug gut gelungen war, orderte ich beim nächsten oder übernächsten Mal einen Tweedanzug. Als er ausgeliefert wurde, sagt John Coggin, damals Mitinhaber von "Tobias Tailors" und mein Zuschneider, dass mir der Anzug lange ein guter Freund sein würde. Und dass der Stoff erst nach etwa zehn Jahren richtig eingetragen ist. Mir kam diese Aussage damals seltsam vor. Ich kannte zwar die legendäre Langlebigkeit von Savile-Row-Anzügen. Aber erst nach zehn Jahren eingetragen? Das erschien mir übertrieben. Nach inzwischen 15 Jahren kann ich bestätigen, dass mir der Anzug ein guter Freund geworden ist. Und der Stoff ist langsam auch ein wenig eingetragen. 

Eine Aufnahme, die der Reise- und Portraitfotograf Christian Kerber vor ca. zehn Jahren von meinem Anzug und mir gemacht hat. Auftraggeber war damals die japanische Zeitschrift "Dorso".

Auch 2013 hilft mir der Anzug, eine gute Figur zu machen. Hier eine Aufnahme mit der Mannschaft der Berliner FIliale von Cove & Co. (Foto: Erill Fritz)

Mittwoch, 27. März 2013

Ein Schneider von Rock Hudson

Unauffällig in der oberen Etage: Das Atelier des New Yorker Maßschneiders William Fioravanti (Foto: Bernhard Roetzel)

Als ich vor ein paar Jahren in New York auf Recherchetour für mein Buch über die Maßschneiderei war, wurde ich von meinem dortigen Kontaktmann mit mehreren Maßschneidern zusammengebracht. Unter anderem besuchten wir auch William Fioravanti. Der Name war mir ein Begriff, da "Bill", wie ihn seine Freunde nennen dürfen, regelmäßig zu den Weltkongressen der Maßschneider fuhr. Sein Atelier lag im Obergeschoss und beim Betreten fand ich die übliche Mischung aus einem etwas plüschigen Empfangsraum und kramigen Werkstätten vor. "Bill" trug eine Brille mit Verlaufstönung, die seine Augen verbarg. Wie alle Amerikaner, die ich getroffen habe, hielt er mit seinen Verdiensten nicht hinter dem Berg: Seine Kunden seien die einflussreichsten Männer Amerikas, seine Anzüge die besten der Welt und gerade letzte Woche habe er sich einen neuen BMW gekauft. Als seine Spezialität bezeichnete er den Musterverlauf bei Streifenanzügen. Am Rückenteil verlaufen die senkrechten Linien des Dessins parallel. Insgesamt machten die Anzüge einen sehr italienischen Eindruck und wirkten gut verarbeitet. Was mich dann sehr beeindruckte, war der Name eines Kunden, den der New Yorker Schneider italienischer Abstammung fast nebenbei erwähnte: Rock Hudson. Die Anzüge, die der schon 1985 verstorbene Mime in der Komödie "Pillow Talk" getragen hat, stammten von William Fiovaranti. Der Streifen ist einer meiner Lieblingsfilme und Rock Hudsons Anzüge waren für mich immer Inbegriff des amerikanischen Sechziger-Jahre-Schicks. Den Mann zu treffen, der sie gemacht hat, war ein schönes Erlebnis.