Mittwoch, 14. November 2012

Kragenfragen

Ein gerade fertig gestellter Mantel in der Werkstatt von Henry Poole & Co. in London (Foto: Bernhard Roetzel)

Mäntel mit Samtkragen sind fester Bestandteil des Gentleman-Stils. Die beiden bekanntesten Varianten sind der Chesterfield-Mantel aus grauem Fischgratstoff mit schwarzem Samtkragen und der Covertcoat mit braunem Samtkragen. Einer Legende zufolge demonstrierte der englische Adel mit dem schwarzen Samtkragen seine Trauer über die Hinmordung der französischen Standesgenossen während der französischen Revolution. Der Wahrheitsgehalt dieser Erklärung soll hier nicht Gegenstand der Diskussion sein.

Bei Stadtmänteln wie dem grauen Chesterfield wird üblicherweise ein schwarzer Samtkragen gewählt, weil das zu den schwarzen Schuhen passt. Beim ländlichen Covertcoat ist der braune Kragen die beliebteste Wahl. Briten tragen ihn in London ungeniert zu schwarzen Schuhen, ich bevorzuge dazu braune Modelle. Nichtsdestotrotz trage ich meinen Covertcoat gelegentlich auch mit schwarzen Schuhen und sogar mit Abendschuhen.

Eine beliebte Alternative zu Braun ist bei Covertcoats Flaschengrün, so trug es beispielsweise der britische Stil-Experte John Morgan, Autor des Debrett's New Guide To Etiquette And Modern Manners. Ich traf ihn 1999 in London zum Tee im Claridge's, da er für mein Buch British Style fotografiert werden sollte. Tatsächlich hat John Morgans Kragen die Farbe des Innenfutters meines Mantels inspiriert, den ich wenige Tage nach dem Treffen bestellt habe.

Bei Henry Poole & Co. sah ich einige Jahre später einen Mantel aus Tweed, dessen Samtkragen auf das Überkaro abgestimmt war. Simon Cundey zeigte ihn mir nach einem Rundgang durch das Atelier und posierte damit zusammen mit dem Zuschneider für ein Foto. Diese Variante ist für einen Sportmantel natürlich amüsant. Auch für Träger farbiger Strümpfe würde sie sich anbieten. Wer es sich leisten kann, hält zu jeder Strumpffarbe einen Mantel mit passendem Kragen bereit.

5 Kommentare:

Anonymous Anonym meinte...

Dazu hätte ich eine Frage: Ich nehme an, dass es sich bei Ihrem Covert Coat um das klassische Modell (=blassbraun mit braunem Samtkragen) handelt? Ich besitze es selbst und bin damit auch schon durch London flaniert (Piccadilly, Regent und Jermyn Street etc.), allerdings habe ich als Reaktion eher verwunderte Gesichter geerntet. "Never wear brown in town" war mein erster Gedanke, so dass ich mir in der Folge bei Cordings dann noch das anthrazitfarbene Modell ohne Samtkragen gekauft habe. Damit erregte ich deutlich weniger Aufsehen. Mein Eindruck ist, dass auch in London (schon lange) der modische Mainstream vorherrschend (im Sinne einer Uniformierung) geworden ist. Dazu passt ja auch eine Filiale von Abercrombie & Fitch in der Savile Row...
Vor diesem Hintergrund ist es wohl unnötig zu berichten, welche Reaktionen der Mantel mit Samtkragen in deutschen Landen regelmäßig auslöst (und damit meine ich Großstädte!) Schräge Vögel (und als solcher wird man ja wohl betrachtet) und Marotten werden in England aber meiner Meinung immer noch eher akzeptiert als bei uns. Sei's drum, ich trage ihn gerne und mache weiter.
Haben Sie vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht? Würde mich trösten...

15. November 2012 um 03:41  
Blogger Bernhard Roetzel meinte...

Der Covert-Coat ist Teil des so genannten Sloane-Ranger-Looks, der wird natürlich in London nicht von allen verstanden oder goutiert. Dennoch ist der bräunliche Covertcoat in London okay. Ich persönlich empfinde eher den Chesterfield als Alternative, da der Covert-Coat vom Ursprung her ein ländlicher Mantel war und deshalb auch seine Farbe hat.

16. November 2012 um 00:32  
Blogger Mike meinte...

@Anon: Ich hoffe doch, dass das Tragen Ihres Covert Coats Bewunderung auslöst. Gucken die Leute Sie denn erstaunt oder ablehnend an?

Für den Durchschnittsherren ist ja schon eine blaue Jeans mit einer schwarzen Jack-Wolfskin-Jacke das höchste der Gefühle.

Mir ist es bspw. völlig egal, ob sich die Leute darüber wundern, dass ich im Herbst mit Barbour Liddesdale, Cordhose und Tweed-Drivers-Cap rumlaufe.

Die Leute wundern sich eh immer über das, was sie nicht verstehen.

Darüber nachzudenken ist Zeitverschwendung.

16. November 2012 um 02:29  
Blogger Bernhard Roetzel meinte...

Die meisten Leute haben so wenig Interesse und auch so wenig Beobachtungsgabe, dass sie so einen Mantel gar nicht registrieren. Ab und zu merke ich, dass mein Mantel Beachtung findet. Im Grunde ist mir das aber gleichgültig, da ich mich überwiegend zu meinem eigenen Vergnügen kleide.

16. November 2012 um 02:32  
Anonymous Anonym meinte...

@Mike: Es ist alles in allem eine Mischung aus beidem. Im ersten Moment blickt man immer in erstaunte Gesichter und dann kann darauf ein abschätziges Grinsen, ein demonstratives Zur-Seite-Drehen des Kopfes, aber durchaus auch ein wohlwollendes Lächeln bzw. ein bewunderndes Staunen werden. Letzteres aber (in Deutschland) tendenziell eher selten.

@Bernhard Roetzel: Nach einem Chesterfield habe ich in London auch gesucht, aber ohne Erfolg. Bei einigen der Savile Row-Häuser, die auch Off-the-peg-Kleidung im Sortiment haben (Gieves & Hawkes z.B.) hätte man vielleicht fündig werden können, dort war ich aber nicht. Bei Crombie in der Conduit Street hätte man mal schauen können. Auf deren Website bin ich allerdings erst wieder zurück in Deutschland gestoßen.
Übrigens kleide ich mich durchaus auch zu meinem eigenen Vergnügen und schiefe Blicke halten mich nicht davon ab. Im Gegenteil: Meistens sind sie ziemlich aufschlussreich mit Blick auf die geistige Haltung vor Ort, weswegen es mir eigentlich ziemlichen Spaß macht sie herauszufordern.

16. November 2012 um 05:21  

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