Donnerstag, 3. Februar 2011

Max Dietls Sakko-Tipps

Max Dietl vor Fotos zufriedener Kunden in seinem Münchener Maßsalon (Foto: Bernhard Roetzel).

Max Dietl führt mit seiner Frau Inge in zweiter Generation Deutschlands berühmteste Maßschneiderei. Neben diversen Leinwandgrößen, Managern und Politikern zählt auch Horst Tappert zu den Kunden des Münchener Modetempels – für jede Episode von „Derrick“ wurde dem Schauspieler ein neues Outfit auf den Leib geschneidert. Zugleich gehört Max Dietl zu den Herrenausstattern mit der weltweit höchsten Dichte italienischer Nobelmarken. Anzüge von Brioni, Kiton und Attolini, handgemachte Hemden und Krawatten, dazu Mäntel, Pullover, Pyjamas und Schuhe, also die Komplettausstattung für den Gentleman. Und während der durch Stoffbündel blättert oder handgenähte Sakkos probiert, kann sich seine Begleiterin in der Damenabteilung von Inge Dietl internationale Haute Couture und Designermode zeigen lassen, oder gleich ein exklusives Einzelmodell ordern.

1. Ich weiß, es sieht immer etwas nach Vertreter aus, und manche Freunde machen sich auch lustig darüber. Aber ich ziehe im Auto immer das Sakko aus, jedenfalls vor längeren Fahrten. Durch das Festhalten des Steuers kriegen die Ärmel Falten und auch der Rücken wird zerknautscht. Da habe ich einfach zu viel Respekt vor der Arbeit unserer Schneider, um dem Stoff so eine Tortur anzutun.

2. Wenn ich japanisch essen war und das Fleisch direkt am Tisch gebraten wurde oder ich in der L-Bar (meinem Münchener Zigarrenclub) geraucht habe, hänge ich mein Sakko über Nacht ins Freie. Die Luftfeuchtigkeit gibt der Faser seine Elastizität zurück und der Wind pustet den Geruch heraus. Bei ganz hochgezwirnten Stoffen muss man aber aufpassen, die werden durch die Feuchtigkeit wellig, weil das Garn etwas an Spannung verliert.

3. Ich lasse meine Sakkos so selten wie möglich und so oft wie nötig chemisch reinigen, durch allzu häufiges Reinigen werden sie nämlich nicht besser. Meistens reicht gründliches Ausbürsten völlig. Ich habe zwei verschiedene Bürsten, eine mit harten Naturborsten für unempfindliche Schurwollstoffe und Tweed und eine weiche aus Ziegenhaar für Kaschmirsakkos. Wenn das Teil einfach nur zerknittert ist, können Sie es auch Aufbügeln lassen, fragen Sie mal die Reinigung, ob die das machen. Wenn Sie selbst zum Eisen greifen, dann bitte immer ein feuchtes Baumwolltuch zwischen Bügelsohle und Sakko legen, sonst glänzt der Stoff hinterher. Mein Tipp: Zerschneiden Sie ein altes Hemd (natürlich 100 Prozent Baumwolle), das auch durch neue Kragen und Manschetten nicht mehr zu retten wäre – der Rücken gibt ein perfektes Bügeltuch ab.

4. Das Sakko braucht Ruhephasen, pro Tag im Einsatz mindestens 24 Stunden, besser 48. Und achten Sie auf die Bügel, sie sollten schön breit und wie die Schulter geformt sein. Selbst in guten Hotels hängen oft nur ganz flache Bügel, deswegen schleppe ich immer meine eigenen, massiven Formbügel mit. Meine Frau amüsiert sich darüber, aber die eigenen Bügel haben noch einen anderen Vorteil. Die im Hotel haben oft keinen Haken, denn der ist fest mit der Stange im Schrank verbunden, der Bügel wird nur mit dem Stiel eingeklinkt. Dadurch können Sie die Sachen nur in den Schrank hängen – und nicht ins Bad oder auf den Balkon. Wenn das Sakko nach Rauch oder Essensaromen riecht, möchte ich es aber nicht ungelüftet zur übrigen Garderobe tun. 

5. Einmal hat mir jemand bei einer sommerlichen Weinprobe ein ganzes Glas Rotwein auf mein helles Baumwollsakko gekippt. Meine Frau hat es mir sofort vom Leib gerissen und den roten Fleck mit einer halben Flasche Weißwein großzügig durchnässt. Die anderen Leute haben erst ein bisschen komisch geguckt, als der Rotweinfleck dann aber rausging, waren sie beeindruckt. Statt Weißwein geht auch Champagner. Salz draufstreuen hilft ebenfalls, denn es saugt die Flüssigkeit hervorragend auf. Wichtig dabei: Genug Salz nehmen, ihm ausreichend Zeit zum Aufsaugen geben und es hinterher nur ausschlagen und runterschütteln, nicht mit einem Tuch abreiben. Die Kristalle können empfindliche Stoffe sonst aufrauen.

6. Auf Autoreisen verstaue ich meine Sakkos in Kleidersäcken. Da gehen locker zwei oder drei Sakkos rein, von mehr rate ich aber ab, weil sie sich sonst gegenseitig zerdrücken. Die Kleidersäcke lege ich dann in den Kofferraum oder hänge sie an die Handgriffe im Fond. Auf Flugreisen verwende ich einen riesigen Koffer, der ist fast zu breit für das Gepäckband beim Einchecken. Aber wenn man nicht genug Platz hat, werden die Sakkos gequetscht. Wichtig beim Zusammenlegen: Hohlräume ausstopfen. Wenn kein Seidenpapier zur Hand ist, dann eben mit Hosen, Pullovern oder Unterwäsche.

7. Das Sakko, von dem jeder mindestens ein Exemplar haben sollte, ist der dunkelblaue, einreihige Blazer. Der ist für mich das vielseitigste Sakko überhaupt und gerade auf Geschäftsreisen oft die beste Lösung. Beim Meeting mit dunkelgrauer Wollhose, abends beim Drink an der Bar zum offenen Hemdkragen mit Chinos, Kordhosen oder sogar Jeans. Ich habe blaue Blazer in allen Stoffvarianten, aus Kaschmir in verschiedenen Gewichtsstufen von superleicht bis flauschig schwer, aus hochgezwirnter Kammgarnwolle, griffigem Hopsack und im Sommer aus seidiger Baumwolle oder Leinen.

8. Ein schöne Variante beim Innenleben bieten halb- oder ungefütterte Sakkos sowie ganz unstrukturierte Verarbeitungen. Sie sind in Deutschland kommerziell nicht besonders erfolgreich, ich trage sie aber sehr gern, vor allem im Sommer. Viel kühler ist das Sakko ohne Futter nicht, aber rein psychologisch habe ich an warmen Tagen das Gefühl, dass der ungefütterte Stoff ein bisschen mehr Luft durchlässt. Beim Anprobieren von ungefütterten Teilen müssen Sie die Schulterpartie und die Ärmel immer erst ein  bisschen zurechtziehen, weil kein Futter das Hineinschlüpfen erleichtert. Wenn alles sitzt, trägt sich so etwas aber sensationell, wie ein Strickjacke aus federleichtem Kaschmir.

9. Karierte Sakkos könnte ich nicht jeden Tag tragen, ich habe aber eine ganze Menge davon, die ich regelmäßig anziehe. Dabei bevorzuge ich Kaschmirstoffe mit eher dezenten Dessins, z. B. einem feinen Überkaro über einem Fischgratmuster. Auch Tweed ist sehr schön, dann aber richtig urige Stoffe, die ruhig ein bisschen schwerer ausfallen dürfen. Und im Sommer sind Sportsakkos aus Leinen toll. Die irischen Weber sind in dem Bereich wahre Meister, ihre Leinenqualitäten knittern nicht so extrem und der leichte Glanz erinnert fast an Rohseide. Viele Kunden sind erst skeptisch bei Leinen und dann total begeistert, wenn sie es überziehen.

10. Ich trage natürlich nicht nur Sakkos aus unserem Atelier oder aus den Kollektionen, die wir führen, sondern shoppe gern auch mal bei Kollegen. Beim Anprobieren achte ich dann vor allem auf die Schulterpartie, wenn die nicht gut sitzt, lasse ich das Sakko meistens hängen. Es sei denn, ich habe mich so in das Teil verliebt, dass ich meine Schneider bitte, das Teil auseinander zu nehmen und zu ändern. Aber aas ist ein Riesenaufwand und ich muss mich dann immer fragen lassen, warum sie mir nicht einfach ein neues Teil schneidern dürfen. Auch wichtig: Die Gesamtlänge. Deutlich zu kurze oder zu lange Sakkos sehen fürchterlich aus.

11. Viele Ausstatter führen die Größen nur in Zweierschritten, also 50, 52, 54 und so weiter. Ich bevorzuge Läden, die ihre Sakkos in Einerschritten im Sortiment haben, denn oft bedarf es genau dieser kleinen Zwischenstufen, um die Passform perfekt zu machen. Auch Größen für untersetzte, kleine und große Figuren gehören ins Sortiment, schließlich will jeder etwas von der Stange finden. Maßkleidung sollte man nämlich nicht in erster Linie wegen Figurproblemen ordern, sondern aus Spaß am Individuellen und Handgemachten. Jedenfalls wünschen wir uns das als Maßatelier – obwohl Kunden mit schwierigem Körperbau wahnsinnig dankbar sind, wenn sie nach Jahren endlich mal was richtig gut Sitzendes bekommen.

12. Der Schnitt des Sakkos sollte zur Persönlichkeit passen und die Gesamterscheinung positiv unterstreichen. Schlanke und hagere Männer greifen oft zu Sakkos mit sehr schmalen Schultern, dadurch sehen sie aber häufig geradezu spillerig aus. Eine etwas markantere Schulter im römischen Stil kann hier schmeichelhafter sein.

13. Ich persönlich liebe es, wenn man die Ärmelknöpfe öffnen kann. Ich weiß, dass es für viele Leute Snob-Appeal hat, wenn man ein oder zwei davon aufgeknöpft trägt, doch ich stehe dem ganz neutral gegenüber und überlasse es dem persönlichen Geschmack. Weniger schön ist es, wenn die funktionierenden Ärmelknopflöcher nicht von Hand umsäumt sind. Grobe, ausgefaserte Maschinenknopflöcher empfinde ich einfach als hässlich. Das mag für manch einen abgehoben klingen, aber wenn man so wie ich mit der Maßschneiderei aufgewachsen ist, stört einen so was. Was die Anzahl der Ärmelknöpfe angeht: Ich persönlich finde vier am schönsten, bei Sakkos mit drei Knöpfen oder gar nur zwei oder nur einem Knopf am Ärmel graust es mir dagegen, aber auch das ist reine Geschmackssache.

14. Im Moment sind Zweiknopf-Sakkos wieder sehr im Trend, auf lange Sicht bewährt sich die Dreiknopf-Front aber am besten. Allerdings sollten die Knöpfe nicht zu weit auseinander liegen, sonst schließt das Sakko zu hoch und man sieht zu wenig von Hemd und Krawatte. Wahrscheinlich ist es überflüssig zu sagen, dass man immer nur den mittleren oder die beiden oberen Knöpfe zumacht. Ich erwähne es sicherheitshalber aber doch, denn ab und zu sehe ich Männer, die nur den unteren oder alle drei zuknöpfen. Ich mag auch Dreiknopf-Sakkos, bei denen sich die Kante am obersten Knopf leicht umrollt, das verlängert das Revers optisch, bietet aber die Vielseitigkeit der Dreiknopf-Front.

15. Ich lasse meine Sakkoärmel immer so kurz arbeiten, dass sie viel von der Hemdenmanschette zeigen. Ich finde es z. B. sehr schön, wenn die Manschnettenknöpfe gut zu sehen sind, denn neben Uhr und Trauring sind sie für mich der einzig zulässige Schmuck des Herrn.

16. Natürlich sollte das Sakko genug Taillenweite haben, da es sonst spannt und beengt. Ich lasse es aber so zuschneiden, dass ich es spüre, also schon dicht am Körper. Und wenn ich es zugeknöpft habe, muss auf dem Schließknopf ein ganz kleines bisschen Zug sein. Mein Vater hat das auch so bevorzugt.

17. Außer beim Autofahren ziehe ich das Sakko nie in der Öffentlichkeit aus. Heute ist es ja sehr weit verbreitet, im Büro oder Restaurant nach kurzer Zeit abzulegen. Meiner Meinung nach gehört sich das nicht und ist auch überflüssig. Wenn das Sakko richtig sitzt und der Stoff zur Jahreszeit passt, stört es einen nicht.

18. Für meinen Geschmack sollte das Sakko mit zwei Seitenschlitzen gearbeitet sein. Erstens ist das beim Hinsetzen bequemer und es verzieht sich nichts, wenn man in die Hosentasche greift. Zweitens gefällt mir die Rückenpartie mit Seitenschlitzen einfach besser. Der Mittelschlitz ist weniger vorteilhaft, weil er den Blick auf die Hinterseite freigibt, sobald man in die Hosentasche fasst.

19. Als echtes „Don’t“ empfinde ich doppelreihige Sportsakkos mit Goldknöpfen, die sind dem blauen Blazer vorbehalten. Genauso schlimm sind Doppelreiher, bei denen die Revers wie beim einreihigen Sakko geschnitten sind, zum zweireihigen Sakko, z. B. dem Marine-Blazer, gehört das spitze Revers.

20. Ich lasse meine Sakkos nur mit drei Innentaschen arbeiten. Eine an der Brust für meine Mini-Brieftasche, eine kleine für den Füllfederhalter und links unten, wo früher die Zigaretten reinkamen, eine Tasche für das Mobiltelefon. Rechts habe ich gar keine Taschen. Es gefällt mir nicht, wenn die Brustpartie durch vollgestopfte Taschen ausgebeult wird, das ruiniert vollkommen die Linie des Sakkos. Man sollte die Taschen auch nie so stark beladen, dass sich das Sakko nach einer Seite verzieht.

21. Zum Sakko gehört das langärmelige Hemd, entweder mit Knopf- oder mit Doppelmanschette. Es sieht einfach furchtbar aus, wenn aus dem Sakkoärmel der nackte Arm hervorschaut, z. B. wenn der Kurzarmhemdenträger die Hand zum Gruß ausstreckt. T-Shirts unterm Sakko à la „Miami Vice“ finde ich auch ganz schrecklich. Das war schon in den Achtzigern nicht sehr schön, jetzt ist dieser Look erst recht untragbar.

Aufgezeichnet von Bernhard Roetzel




8 Kommentare:

Blogger Jack meinte...

Ich bin wirklich dankbar für die Informationen aus diesem Blog. Ich mochte den Blog als es geschrieben wurde, haben die Informationen, die ich von hier.
hostel hamburg

3. Februar 2011 um 17:11  
Anonymous Art meinte...

Danke schön, wirklich interessant!

14. Februar 2011 um 00:56  
Anonymous Anonym meinte...

Hi, was kann ich tun wenn ich mein lieblings sakko an einem Abend voll geschwitzt hab und es unbedingt am nächsten Tag anziehen will, wie bekomme ich den Geruch weg ohne Reinigung?

14. März 2012 um 12:51  
Blogger Bernhard Roetzel meinte...

Schweiß und vor allem dessen Geruch ist ein schwieriges Thema. Wenn es die Jahreszeit zulässt und ein Balkon vorhanden ist, würde ich das Sakko über Nacht ordentlich durchlüften lassen. Das geht auch an einem halb offenen Fenster. Gegen Schweiß hilft chemisch Reinigen auch nicht wirklich.

14. März 2012 um 13:15  
Anonymous Anonym meinte...

Gegen übermäßigen Schweiß unter den Achseln helfen Schweiß-Pads in den Ärmellöchern des Jacketts. Die kann man in der Änderungsschneiderei austauschen lassen, sobald nötig.
JA

27. Dezember 2012 um 08:50  
Anonymous Anonym meinte...

sehr guter Tipp, danke

23. März 2013 um 01:49  
Anonymous Anonym meinte...

Schöner Blog, vielen Dank dafür:

Ich hätte eine Frage zu den goldfarbenen Blazerknöpfen:
Diese hängen immer etwas "traurig" nach unten, gibt es hier einen speziellen Trick zum Annähen?

Vielen Dank im Voraus.

4. Mai 2015 um 04:38  
Blogger Bernhard Roetzel meinte...

Bei dickeren Stoffen macht der Schneider ein winziges Loch in den Stoff und zieht den Stiel des Blazerknopfs hindurch. So kenne ich es jedenfalls aus der Savile Row. Bei leichten Stoffen sollte man dann eher flache Knöpfe verwenden, die nicht zu schwer sind bzw. normales Knopflöcher haben.

4. Mai 2015 um 05:30  

Kommentar veröffentlichen

Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]

<< Startseite